Montag, 30. Dezember 2013

Wölfe, die mit Watte werfen - Powerwolf

Bitte recht wolfig: Powerwolf Foto:Promo

Sagen wir es geradeheraus: Powerwolf haben mit Heavy Metal in etwa so viel zu tun, wie „Phantom Of The Opera“ mit Verdi oder Rondo Veneziano mit Vivaldi. Musik-Ultras, die ihr Schwermetall gerne übel und gefährlich mögen, können mit dem etwas geschraubten Keyboard-Zuckerwerk der Saarländer daher verständlicherweise herzlich wenig anfangen. Wochenendmetaller, die einem kurzweiligen Musical-Spaß zwischen Popen-Blödsinn, Edguy-Ulk und  Stephenie Meyer-Kitsch nicht abgeneigt sind, haben an einer Bibelstunde mit dem kalkgesichtigen Quintett aus Saarbrücken hingegen ihre helle Freude. Im Substage jedenfalls, wo Powerwolf ihren Fans vor ausverkauftem Haus am Freitag die Messe lasen,  herrschte vom ersten Takt an derart ausgelassene Kreuzzugsstimmung, dass Papst Urban II. (rief 1095 zur ersten Kreuzfahrt auf) vermutlich Freudentränen vergossen hätte.
„Wolfsnacht, statt Weihnacht“, gab Sänger Attila Dorn, in schwarzer Pluviale und Soutane optisch eine Mischung aus Dschingis Khan und orthodoxem Priester, Weihrauchfässchen schwenkend gleich zu Beginn als Motto aus. Das ließen sich die der feiertäglichen Beschaulichkeit offensichtlich müden Besucher nicht zweimal sagen und schmetterten Powerwolf-typische bierzelt-, Verzeihung, kirchentagstaugliche Gassenhauer wie „Amen and Attack“ oder „Resurrection by Errection“ vom ersten Takt an aus vollem Halse  frenetisch mit.
Dorns Operettengesang hingegen war zunächst weniger voluminös, was der stets gut aufgelegte Entertainer allerdings durch allerlei Witzchen, Bühnenkapriolen und gefälschten Rumänischen Akzent wieder wettmachte. Während der gute Attila seine Stimmbänder nach ein paar wenigen Songs aufgewärmt hat, will sich das manierierte Chargieren der übrigen Bandmitglieder hingegen nicht verringern. Keyboarder Falk Maria Schlegel bearbeitet mit seinen Händen öfter die Luft über seinem Kopf als die Tasten seines Instruments. Und die beiden Gitarristen Charles und Matthew Greywolf lassen derart unentwegt die Münder offenstehen (soll wohl irgendwie „wolfig“ wirken), dass wir versucht sind, ihnen Nüsschen hineinzuwerfen.
Und damit wären wir beim großen Problem von Powerwolf: Unterhaltungswert kann man dem von Dorns supereingängigen Gesangslinien getragenen einfach strukturierten Powermetal der Saarbrücker nicht absprechen. Doch wo alles zur Pose erstarrt, bleibt am Ende nicht mehr als bloße Unterhaltung. Die bietet allerdings auch das Nachmittagsprogramm vom Mitteldeutschen Rundfunk. Heavy Metal allerdings war mal mehr als unernste Kurzweil und Zerstreuung. Er sollte den Hörer packen, wo es weh tut – und ihn nicht mit Zuckerwatte ersticken.

Freitag, 20. Dezember 2013

Ein Besuch im Ork-Kindergarten - Das Knockout-Festival in Karlsruhe

Sieht aus wie Barbie, rockt aber wie Big Jim: Doro Pesch. Fotos(3): Crazy Fink
Für die Beschreibung der Besucher von einschlägigen Extremmusik-Ereignissen, wie etwa dem „Wacken Open Air“ (WOA), greifen subkulturell nicht ganz so bedarfte Kollegen gerne auf die Floskel von den „Schwarzen Horden“ zurück. Womit sie auf den vermeintlich einheitlichen Kleidungsstil der Metal Fans anspielen. So wird es auch wieder in der Nachberichterstattung des „Knockout Festival“ zu lesen sein, das am vergangenen Samstag zum sechsten Mal in der Karlsruher Europahalle abgehalten wurde. Waren Ränge und Parkett der Spielstätte von der überaus zahlreich erschienen Kundschaft doch nahezu geschwärzt und der Fotograben vor der Bühne bei den Auftritten von Bands wie Pink Cream 69, Saltatio Mortis, Doro oder Sabaton zum bersten gefüllt, was auf ein Medienaufgebot in Bataillonsstärke schließen ließ.
Tatsächlich aber ist diese Gleichmacherei in etwa so fundiert, wie die Behauptung, alle Chinesen sähen gleich aus. Denn bei genauerem Hinsehen entpuppt sich die nachtfarbene Metal-Uniform als zwar nach bestimmten Regeln erstellter, aber höchst individuell gestalteter Ausweis der eigenen musikalischen Präferenzen, ergo Persönlichkeit: Obligatorisch ist das Band-Shirt mit dem Signet einer vom Träger geschätzten Gruppe. Diese sollte entweder möglichst obskur sein, also breite Genrekenntnis signalisieren, oder, im Falle populärer Bands wie Iron Maiden oder Metallica, möglichst verwaschen sein, um langjährige Szenezugehörigkeit herauszustellen.
Darüber hinaus existiert eine ausgeklügelte anlassbezogene Kleiderordnung, durch die geregelt ist, welche Hemden wann gezeigt werden dürfen: Logos der auftretenden Band sind im Grunde tabu (es sei denn, das damit bedruckte Textil ist ganz besonders ausgebleicht), solche wesensverwandter Gruppen aber legitim. Folglich würde kein Metal-Fan bei Verstand im Leibchen einer Softeis Metal-Truppe wie Nightwish eine Tech-Death Metal-Darbietung etwa von Necrophagist besuchen. Davon, dass er das Shirt einer solchen Schlonz-Band gar nicht besäße, einmal ganz abgesehen. Ausgenommen von der Norm sind Motörhead-Shirts, die dürfen  wegen des besonderen Stellenwerts immer und überall getragen werden.
Ethnologisch interessant wäre noch eine der Untersuchung der „Kutte“, einer Jeansweste, die ausgestattet mit einer Unzahl entsprechender Aufnäher, noch differenzierter Auskunft über die musikalische Ausrichtung ihres Besitzers gibt. Aber ein solches Vorhaben sprengte diesen Rahmen endgültig. Wirft dieser Exkurs doch schon jetzt die Frage nach seine Sinnhaftigkeit auf.
Die lässt sich wie folgt beantworten: Ein übergroßer Anteil der Knockout-Besucher gibt sich als Anhänger bestimmter Bands überhaupt nicht zu erkennen. Es dominieren vielmehr Merchandise Produkte bestimmter durchkommerzialisierter (Massen)Events, wie dem WOA oder Kreuzfahrten, auf denen Rockbands statt Alleinunterhalter das Showprogramm bestreiten.
Metal-Fundamentalisten würden diese offensichtliche Abkehr von der subkulturellen Individualisierung hin zur Sozialisierung als Symptom der viel beklagten Ballermannisierung der Heavy-Szene interpretieren. Einer quasi Überfremdung durch die sich Extrem-Musik Ultras in ihrem ureigenen Milieu vom Mainstream-Publikum bedrängt fühlen. Ein nachvollziehbares Urteil, zumindest für Menschen, die, um ein Beispiel aus einem anderen Popkulturellen Bereich heranzuziehen, das Tragen von Calvin Klein-Unterhosen nicht als Kriterium für Mode-Expertise gelten lassen.
Das musikalische Programm beim diesjährigen Knockout ist zumindest streckenweise entsprechend: Lordi, eine martialisch kostümierte Melange aus Kiss und Gwar, liefert den passenden Soundtrack zum Hobbit-Kinostart. Das orchestrierte Ork-Gebrüll der Finnen gleicht der Kampftechnik eines Höhlentrolls: nicht sonderlich filigran, aber effektiv. Denn bei eingängigen Monster-Hymnen wie „Hardrock Halleluja“ oder „Sincerley with love“, die wahrscheinlich auch die Ork-Kindergärtnerinnen den Ork-Kindern in der Ork-Kita vorsingen, grölt die ganze Halle begeistert mit.
Die Mittelalter-Rocker Saltatio Mortis gehen kaum weniger poppig und Klischee-behaftet ans Werk. Allerdings stehen sie damit anderen Vorreitern des Genres wie Schandmaul oder In Extremo in nichts nach. Von den offenbar zahlreich erschienenen Wochenend-Kriegern und Burgfräuleins werden sie entsprechend abgefeiert. Nicht zu Unrecht, denn dass die Karlsruher mit Alea dem Bescheidenen über einen dynamischen Frontmann verfügen und ihren Job so einsatzfroh wie professionell erledigen, lässt sich nicht bestreiten. Ein Extralob gibt es für einen pfiffigen Text mit aktuellem Bezug wie „Wachstum über alles“ zur Melodie vom Deutschlandlied.
(Hair)Metal-Queen für immer.
Dass nicht jeder Griff in die Stereotypenkiste in die Peinlichkeit führt, beweist einmal mehr Doro Pesch. Die Düsseldorferin sieht zwar aus wie Barbie in der Leder Corsage, rockt aber wie Big Jim. So kann die deutsche Metal-Königin auch in ihrem dreißigsten Bühnenjahr noch überzeugen. Hauptsächlich liegt das natürlich an unsterblichen Old School Metal-Gassenhauern wie „Burning The Witches“ oder „All We Are“ – sogar ein Schmachtfetzen wie „Für Immer“ ist aus dem Mund der zierlichen Blondine immer wieder irgendwie anrührend – aber auch die jüngeren Songs fallen nicht groß ab.
Keinen Stimmungsabfall gab es auch bei den Rausschmeißern Sabaton. Sänger Joakim Brodén hatte sein Publikum vom ersten Akkord an im Griff. Für Anhänger der reinen Schule ist zwar auch der schnörkellose Power Metal der runderneuerten Formation kein Leckerbissen (zu viel Keyboard-Puderzucker), das Party-Publikum goutierte den Nachtisch aus Schweden aber umso mehr.

Dienstag, 17. Dezember 2013

Selbstgebrannter für die Seele - Dad Horse Experience

Hat den Blues: Dad Horse Ottn. Foto: Christan Kock/Promo
So zu musizieren muss doch unbequem sein:  Dad Horse Htten, der Mann hinter der Dad Horse Experience, sitzt am Donnerstag, 12. Dezember,  im Karlsruher Kohi auf einem harthölzernen Klappstuhl. Energisch am Banjo zupfend stampft er mit strümpfigen Füßen auf einer Fußorgel herum. Beim Singen verdreht er die grünen Augen und lässt dabei die Zunge heraushängen, als habe er sich an einem Löffel heißen Breis verschluckt. Mit gequältem Blick, den ausladenden Ohren, dem schlecht sitzenden Spenzer und ausgebeulten Bundfaltenhosen, sieht Ottn dabei aus, wie eine Mischung aus Prinz Charles und arbeitslosem Buchhalter. 

Begleitet wird der schrullige Hotten von einer nicht minder absonderlichen Gestalt am Schlagzeug. Ob diese Spenzer nebst schlecht sitzender Herrenhose-Sache einfach nur die Banduniform ist, muss hier offenbleiben. Einen bei der Arbeit  mit so stoisch  grimmiger Gleichmütigkeit über seine Fliege hinwegguckenden Schlagwerker hat man allerdings selten gesehen.

Dass angesichts all dessen dann musikalisch ein gewisser Leidensdruck artikuliert wird, ist klar: Hottnes traurig flotte Lieder handeln davon, wie man sich fühlt, wenn man auf einer Party aufwacht, und die Gäste zum kotzen findet. Vom selbstgebrannten Whiskey, “der einem Mann erst den Verstand, dann das Augenlicht und schließlich die Seele nimmt. Oder vom Warten;  auf die Pausenklingel, auf den richtigen Partner, aufs Bier, auf den Tod - bis es schließlich zu spät ist.

Für die Transformation der Seele und die Vergebung der eigenen Sünden.  Das ist so die Art von Drama, die Hottnes im Grunde eintönige, schwarzhumorige Dark Folk-Moritaten dann doch wieder aufregend macht. Denn um unser Seelenheil sorgen wir uns doch alle irgendwie, wenn wir ehrlich sind. Ganz besonders in der Vorweihnachtszeit. Doch hier weiß Ottn Rat, denn “Spiritualität beginnt doch da, wo man erkennt, dass man es selber nicht kann”. Und wenn es soweit ist, stimmen wir am besten ein “Jesus-Lied” an, und bitten “den großen Klempner da oben”, uns aus “der inneren Scheiße” zu helfen -  indem er sie, puff, in Gold verwandelt. Ein wahres Erweckungserlebnis, von dem sich die Evangelikalen eine Hostie abschneiden können, amen!


Montag, 16. Dezember 2013

Auch Rocken will gelernt sein - Das Bandpusher Festival im Karlsruher Substage

Rock-Xenomorph: Adoney-Gitarrist JB Jables. Foto:Promo
Wer denkt, das Musikerleben bestehe neben ein bisschen Rumfiedeln auf der Bühne im Wesentlichen aus Poolpartys und Hotelzimmerrandale, irrt. Rocken ist harte Arbeit. Die will gelernt sein. Und auch die organisatorischen und  buchhalterischen Seiten des auf den zweiten Blick gar nicht so glamourösen Showgeschäfts sollte der moderne Rockstar im Auge behalten, will er sicherstellen, dass die Millionen aus Gagen und Tantiemen nicht in die Taschen windiger Plattenbosse und skrupelloser Manager wandern, sondern auch im eigenen Sparstrumpf was hängen bleibt. Junge Bands fit zu machen für das Abenteuer Rockbiz, hat sich das Karlsruher Popnetz zur Aufgabe gemacht. Am Samstag stellten sich im Substage die Gruppen vor, die im kommenden Jahr das Förderprogramm „Bandpusher“ durchlaufen werden.
Den Anfang vor der mehr als enttäuschenden Kulisse von vielleicht 50 Besuchern machten And The Change. Die Bruchsaler spielen Altenative Rock. Der trompetige Indie-Rock von Empty Redhouse rollte hintendrein schon ganz gut. Dass es allerdings noch immer Bands gibt, die irgendwie originell finden, mit Hemd, Krawatte und Panamahut auf die Bühne zu gehen, ist nahezu erschütternd. Das letzte Mal war das bei Anthony Kiedis in den 90ern cool. Und 80er Metal-Gitarrensoli waren damals schon out – zumindest unter Leuten die Ska mögen. Sehr geschmackvoll waren hingegen einige Blueseinsprengsel der Rothäusler. 
Seatime machten schon Aufgrund ihrer Instrumentierung neugierig, als diverse Banjos, Ukuleles, Mandolinen und Lapsteel-Gitarren auf die Bühne getragen wurden. Überzeugen konnte der dudelige U&D-Akustik-Rock des Quintetts dann aber umso weniger. Zunächst! Denn nach ein paar belanglosen Songs nahmen die schon als musikalische Leichtmatrosen abgetanen Seatimer dann doch noch eine Kurskorrektur vor: Richtung amerikanischer Süden. Eine gute Entscheidung, denn plötzlich war richtig Dampf im Kessel. Aus Versatzstücken des Country, Southern Rock, Blues und Folk knüpften Seatime ein straffes Americana-Netz. Das kann noch eine richtig originelle Band werden.
Soweit sind Adoney schon, die sich heute aus dem Bandpusher-Programm verabschieden. Der Umstand, dass man als Jugendlicher im Murktal offensichtlich nicht viel anderes tun kann, als Platten hören und Musik machen, hat  schon viele erstklassige Bands hervorgebracht. Wird Zeit, dass endlich mal eine den nationalen Durchbruch schafft. Im Falle Adoney stehen die Vorzeichen nicht schlecht. Mother Lovebone, Soundgarden, Dinosaur Junior und Red Hot Chili Peppers nahmen in Papas Plattensammlung, deren Studium sich das Quartett aus Gaggenau an langen Winternachmittagen widmete, offenbar breiten Raum ein. Doch sind Adoney keine bloße Epigonen-Band, sondern drücken durch pfiffiges Songwriting und spielerische Klasse ihren eigenen Stempel in die runzelige Haut des Grunge-Genres. Und als wäre das nicht genug, ist Gitarrist JB Jables ein klingendes Beispiel für die magischen Kräfte des Rock´n´Roll. Die können aus einem Schluffie mit weichem Bauch und Hornbrille wie nämlich, hex hex, eine Töne so ätzend wie der Rotz aus dem Maul des Xenomorphen in Alien ausstoßende Rampensau machen. Ob die Aufsehen erregende Gesamtleistung der Band jetzt irgendwie mit dem einjährigen Bandpusher-Training zu tun hat, muss mangels Vergleichsmöglichkeit offen bleiben. Geschadet aber, hat es ganz sicher nichts.

Mittwoch, 4. Dezember 2013

Beherrscher des Tritonus - Black Sabbath verzaubern Dortmund

Black Sabbath in Birmingham 2012. Foto:promo
Altersdiskriminierung ist in unserer Gesellschaft weit verbreitet. Vermeintlich zu alten Menschen wird die Teilhabe am Arbeitsleben mit Verweis auf ihre angeblich geminderte Leistungsfähigkeit verwehrt. So gehen ganze über Lebensalter hinweg angehäufte Horte von Wissens- und Erfahrungsschätzen unwiederbringlich verloren. Am Samstag haben drei Herren im Rentenalter mit einem furiosen Konzert in der Dortmunder Westfalenhalle bewiesen, wie grundfalsch dieser Jugendwahn ist. Tony Iommi (65, Gitarre), Geezer Butler (64, Bass) und Ozzy Osbourne (seit gestern 65), bekkantermaßen bilden sie gemeinsam Black Sabbath, schrieben vor mehr als einem halben Lebensalter als sie vor mehr als einem halben Lebensalter in einem muffigen Probekeller in der englischen Industriestadt Birmingham einen gleichnamigen Song schrieben, der die Blaupause für ein ganzes Genre bilden sollte: Heavy Metal. In diesem Jahr hatten sie mit dem Album „13“ (das erste seit 35 Jahren, an dem sich Ur-Sänger Osbourne beteiligte) eine weitere Seite im großen Buch der Metal-Analen aufgeschlagen. Nun galt es, dieses vielleicht letzte Kapitel in der Bandhistorie auch live fortzuschreiben.
Aus ganz Deutschland waren Fans angereist, um sich vom tatsächlichen Zustand der neben Led Zeppelin und Deep Purple stilprägendsten Band der goldenen Ära des Rock in den 70er Jahren zu überzeugen. Anlass zur Sorge gibt es reichlich. Iommi kämpft gegen eine unheilbare Krebserkrankung, Butler klagt in Interviews regelmäßig über Altersbeschwerden und Osbourne tut kein Unrecht, wer sagt, der Zahn der Zeit habe ihn nicht nur an-, sondern bis auf die Knochen abgenagt.
Wie also schlugen sich diese die Narben so vieler Kämpfe (gegen betrügerische Manager, korrupte Plattenbosse, Drogen, die eigenen Dämonen, den üblichen Rock´n´Roll-Wahnsinn) tragenden Veteranen auf dem Schlachtfeld, das unbedarfte Menschen Konzertbühne nennen? Wie eine aus dem Lande Mordor heranrückende Ork-Armee, der sich nur eine Handvoll mit Weidenruten bewaffneter Hobbits entgegengestellt hat; siegreich!
Präsentierte sich Ozzy beim Eröffnungssong „War Pigs“ stimmlich nicht ganz sattelfest, was  schlimme Erinnerungen an so manche schmachvolle Konzertabsage der letzten Jahre wachwerden ließ, griffen beim anschließenden “Into The Void” unvermittelt alle Rädchen der übermächtigen, bedrohliche Wolken lebenvernichtenden schwarzen Qualms ausstoßenden Kriegsmaschinerie, die Black Sabbath heißt, ineinander. Angetrieben von einem jener unwiderstehlichen Gitarrenriffs, die über die Urgewalt einer zu Tal stürzenden Felslawine verfügen, und die zu erzeugen auf dieser Welt (und vermutlich auch auf allen anderen denkbaren) nur Tony Iommi, der unumschränkte Beherrscher des Tritonus, in der Lage ist. Befeuert vom getreuen Leutnant Geezer Butler, der mit hephaistischen Furor auf seinem Bass tieftönende Stahlnetze webt, während Tommy Clufetus für den abwesenden Bill Ward im Drum-Maschinenraum umherprescht, als verberge sich hinter seinem ausladenden Kit der Unterlaib eines Centauren, und dabei wie beiläufig nicht nur anachronistischem Equipment wie dem Rototom, sondern gleich noch dem aus der Zeit gefallenen Showformat Drumsolo zu einer Maulsperre verursachenden Renaissance verhilft.
Plötzlich ist dann auch Osbourne voll da. Und ab dieser Sekunde ist unbestreitbar klar, warum er, und nur er, den Ehrentitel „Prince Of Darkness“ zu tragen verdient: Niemand sonst kann die tonnenschwere, düstere Last dieser wie der schleichende Tod dahinkriechenden Musik so stoisch mit leidvoll weit aufgerissenen Augen auf seinen herabhängenden Schultern tragen wie dieser gramgebeugte Nazarener des Rock´n´Roll.
Dabei hätten es Black Sabbath eigentlich schon belassen können an Großartigkeit. Aber das Quartett reihte eine kalt glitzernde Songperle an die nächste („Under The Sun“, „Snowblind“, „Behind The Wall Of Sleep“), ohne jedoch ein populistisches Programm abzuspulen, so dass gut zwei Drittel des Konzerts vergangen sind, bevor mit „Iron Man“ der erste richtige Hit auftaucht, der auch jene Besucher zufrieden stellt, die die Band nur vom „Rock Calssics“-Sampler aus dem Ramschregal im Elektronikdiscounter kennen. Dank des so kaltgestellten Eventpublikums war die Stimmung nicht ganz so überschwänglich, die Atmosphäre dafür aber nahezu erhaben!
Und auch die neuen Songs zündeten (von „13“ kommen drei Lieder zum Vortrag), was im direkten Vergleich mit den vielen Klassikern nicht unbedingt zu erwarten war. Während Iommis feurigem Gitarrensolo während „Age Of Reason“ strahlt sogar Schmerzensmann Osbourne wie ein Fass Kühlwasser aus Fukushima.
Am Ende ist an diesem Konzert lediglich eine im Vergleich zur Originalaufnahme viel zu hoch gestimmte Totenglocke im Intro  ihres signature tracks „Black Sabbath“ kritisieren, was die Band aber dadurch wett macht, dass sie den Song so grandios verschleppt, dass sie selbst der Felsbrocken berganrollende Sisyphos hätte überholen können – und dass es mit knapp 120 Minuten mindestens zwei Stunden zu kurz war. Aber irgendeine Konzession ans Alter muss es ja geben. Auch bei Black Sabbath. Am heutigen Mittwoch, 4.12., treten sie in Frankfurt an. Zum nächsten Gefecht.




Dienstag, 3. Dezember 2013

Taufrisch duftender Tod - Death Angel

„Taufrisch duftend“ – das bedeutet der aus einem Gedicht von Edgar Allen Poe abgeleitete Name Dew-Scented –  ist Leif Jensen als einziges nach 23 Jahren verbliebenes Urmitglied vielleicht nicht mehr, musikalisch präsentierten sich die Musterschüler der zweiten Teutonen-Thrash-Generation bei ihrem Gastspiel im Vorprogramm der Bay Area-Legenden Death Angel am Freitag im Substage gleichwohl wie eine frische Brezel: dampfendheiß und knusprig. Allerdings hatten offenbar nicht allzu viele Fans Lust auf ofenwarme Thrash-Kost, der Laden war nur halb voll.
Vielleicht lag das am Wochentag. Oder vielleicht auch daran, dass man heute im Club keinen der bis über beide gepiercten Ohren tätowierten Jungtürken erblickte, die sich üblicherweise sonst auf Extremmusik-Konzerten tummeln. Jungs, würdet ihr gelegentlich mal die Pflöcke aus den Ohrwascheln nehmen, hättet ihr vielleicht schon mal davon gehört, dass auch Heaven Shall Burn nicht vom Himmel gefallen sind, sondern auf ganze Generationen von Wegbereitern folgten, denen man ruhig mal die Ehre erweisen kann!  An ICE-Fußtrommel-getriebenen Schnelltod-Granaten wie „New Found Pain“, messerscharf berifften Metzeleien wie „Soul Poison“ oder klassischer Prügelsuppe à la Sodom wie „Never To Return“ hättet ihr jedenfalls auch Geschmack gefunden.
Thrash als schöne Kunst: Death Angel. Foto:promo
Wem Dew-Scented schon schwer im Magen lagen, dem sollte der Hauptgang den Rest geben. Denn Death Angel legten noch mal eine ganze Kelle drauf: Was die San Francisco-Boys leisteten war nichts weniger als eine Meldodic-Thrash-Masterclass. Dabei stand die  1982 gegründete Combo vor ein paar Jahren vor dem Aus. Als Rob Cavestany (Gitarre) und Mark Osegueda (Gesang) plötzlich alleine im Boot saßen, waren der Stimmen nicht wenige, die forderten, das einst stolze Schlachtschiff Death Angel besser abzuwracken. Doch die beiden machten den Kahn mit neuer Mannschaft wieder flott. Wie flott, war unter anderem daran zu bemessen, dass alte Shanties wie „Shores Of Sin“ zwar unerreicht, aber die Songs vom aktuellen Album „The Dream Calls For Blood“ ebenfalls nicht von schlechten Engeln sind (und ganz nebenbei besser als alles, was die satten, sogenannten „Big Four“, Slayer, Metallica, Anthrax und Megadeth, in der letzten Dekade veröffentlicht haben). 
Quadratisch, praktisch, hart und besser als alles von den "Big Four" der letzten Dekade: die neue Death Angel.
 Und überhaupt: Sollte man einem Unbedarften verständlich machen wollen, was eine „tighte Band“ ist, das US-Sextett wäre das Paradebeispiel. Die Gitarrenachse Cavestany/Ted Aguilar macht beim Sägen Späne für ein ganzes Holzfällercamp, Bartserker Will Carroll am Schlagzeug (schwitz der Mann denn nicht unter seiner Gesichtsbehaarung?) liefert schickige Breaks und verquere Rhythmuswechsel en gros. Osegueda besticht mit spitzen Bombay Sapphire Gin-geölten Schreien sowie gekonnter Mikroständerakrobatik  und Damien Sisson am Bass sieht aus wie der selige Cliff Burton. Mehr kann niemand verlangen!
Sollte man es vergessen haben, dieser Abend hat es in Erinnerung gerufen: Thrash-Metal ist einfach die beste Musik die es gibt!

Monsters Of Blödelbarding

Sehen nicht nur quatschig aus, klingen auch so: Monsters Of Liedermaching. Foto:promo/Chris Lührmann
Früher, in den 70ern und frühen 80ern, nannte man sie schlicht und einfach Blödel-Barden. Jene Männer, die nur mit Akkustikgitarre und humoristischer Schmerzfreiheit jede Kulturscheune in der Provinz zum Kochen bringen konnten. Heute heißen sie allerdings nicht mehr Ingo Insterburg oder Mike Krüger, sondern - dem etwas martialischeren Geschmack der Generation "Counter Strike" angepasst - Monsters of Liedermaching. Hauptsächliche Themen damals wie heute, so war es am Freitag, 22. november, im Substage zu erleben: Alkohol und Liebesdinge.
Ob nun das Herzblatt-Rendezvous im Krankenhaus ("Herzblatthubschrauber"), die neue Liebe in trauter Dreisamkeit ("Nr. 2")oder Weihnachten im alkoholisierten Desaster ("Heilige Nacht") endet, den "Monsters" ist nichts menschliches fremd. Doch auch das fantastische kommt nicht zu kurz: Da kühlt die Beziehung zur Freundin durch deren Vampirismus plötzlich, öhm, stark ab ("La Femme Pia") oder wird das Superheldengenre durch den Kakao, respektive die Kloschüssel, gezogen ("Superkackwurst"). Rein stilistisch bewegt sich das locker flockige Akustikgitarren-Treiben zwischen simplem Jugendfreizeit-Folk und kleinem Singer/Songwriter-Einmaleins, zwischen "Kumbaya" und "Schieb den wal zurück ins Meer". Obendrauf etwas Spaß, Alberei, Blödelei und blanker Unsinn.
Das täte nicht weiter weh, oder könnte gar begeistern, verfügten Burger (Frontmann der Punkrockformation Die Schröders), Fred Timm (Ex-Norbert und die Feiglinge), Rüdiger Bierhorst, Tottovic Kalkül und das Duo Frische Mische Peer Jensen und Jan Labinski, die seit nunmehr zehn Jahren als MOL firmieren, über den feinklingigen Sprachwitz eines Farin Urlaub oder das dadaistische Genie eines Helge Schneider. MOL aber fahren eher die infantile Schiene. Witzig finden solchen Penäler-Humor mutmaßlich insbesondere Menschen, die den Kauf von Heinos Rock-Platte für einen subversiven Akt und einen Besuch bei "Rock am Ring" für einen Ausweis von Musikaffinität halten (das merkt man besonders an den "Ohohohohoh-Monsters"-Gesängen zur Melodie von AC/DCs "Thunderstruck" im gut gefüllten Saal). Sowie solche - und das ist keine Mutmaßung -, die  sich  gegenseitig mit ihren Smartphones beim Tanzen mit eingeschalteter Strinlampe am Kopf abfilmen (An dieser Stelle könnte sich ein Exkurs über die Stillosigkeit von Stirnlampen UND Fahrradhelmen anschließen, doch würde dies den Rahmen einer Konzertbesprechung in unangemessener Weise sprengen).
Allein wenn sich Rüdiger Bierhorst  der guten alten Liedermachertugenden erinnert und auch mal  ein gesellschaftskritisches Lied ("Ich bin nicht frei") anstimmt, unterbricht das Sextett seinen immerwährenden Soundtrack zum Tabu-Spielen in der Studi-WG. Leider kommt das an diesem Abend viel zu selten vor. Aber was will man auch von einer Gruppe erwarten, die T-Shirts verkauft, auf denen unter dem durchgestrichenen Schriftzug der Ramones der eigene Bandname steht? Eben!
Leute, deren Drang zur Rebellion sich im Konsum von Astra-Bier erschöpft, kümmert das alles freilich kaum, so dass das Publikum vom ersten bis zum letzten Schrammelakkord dieser musikalischen Tortenschlacht zum knüllermäßig steil geht.


Mittwoch, 27. November 2013

Auf dieser Scheibe ist die Hölle los! - Hell veröffentlichen "Curse an Chapter"

Man könnte Hell als eine Art musikalisches Frankensteins Monster bezeichnen: 1987 nach vier Demos und einer EP, die unter Metal-Adepten freilich Kultstatus genießen, und dem Freitod von Frontmann Dave G. Halliday sang und klanglos aufgelöst, erweckte Produzent Andy Sneap (Megadeth, Machine Head, Kreator) 2008 die Kreatur  aus ihrem Todesschlaf, indem er neben den vier überlebenden Ur-Mitgliedern sich selbst als Gitarrist und den Shakespeare-Schauspieler David Bower als neuen Sänger installierte. Jetzt hat das Sextett den Nachfolger zum vielgelobten Debut „Human Remains“ von 2011 vorgelegt. Und was für ein Sukzessor ist „Curse and Chapter“ (Nuclear Blast)! Super abwechslungsreicher, leicht angeprogter, theatralischer Metal der Marke Mercyful Fate und Sabbat (Sneaps früherer Band). Es gibt kraftvolle Riffs, für die sich auch Judas Priest nicht schämen müssten, feine, Wolf-Hofmann-mäßige Leads und einfallsreiche Breaks. Dazu allerlei genretypischen Mummenschanz wie symphonische Keyboard-Intros, atmosphärische Sprecheinlagen, bedrohliche Chöre und exotisch klingende Zwischenparts. Wie der Mann auf dem Silberberg thront über alledem Bowers dissoziativer Gesang, ständig zwischen King Diamond, Andi Deris, Blackie Lawless und Noddy Holder irrlichternd. Das alles wäre freilich  nichts weiter als bloßer Theaterdonner, verfügten Hell nicht über das hochklassige Songmaterial, über das sie, öhm, verfügen. Zuvorderst zu nennen sind Fegefeuer-Brenner wie „Land Of The Living Dead“, „The Disposer Supreme“ oder „Deliver Us From Evil“ (alles Zweitverwertungen alter Demo-Songs). Aber auch neue Songs wie das epische „Darkhangel“ oder die clevere Perversiflage auf die Hippie-Hymne „Age Of Aquarius“, „The Age Of Nefarious” sind klasse. „Curse and Chapter“ sieht aus wie ein geiles Metal-Album, klingt wie ein geiles Metal-Album, ist ein geiles Metal-Album!

Montag, 25. November 2013

Hamferd - Große Musik aus dem Land der Fußballzwerge


Die Färöer kennen wir vornehmlich als Herkunftsland von Seefisch, Schafswolle und – natürlich – Fußballzwergen. Als Exporteur von Schwermetall ist die Inselgruppe im Nordatlantik bislang nicht aufgefallen. Das könnte sich nun ändern. Zwar hätte sich die Heavy Metal-Band Hamferð mit dem Ziel gegründet, namentlich ihre Heimat mit brachialer Musik zu bedienen, verkündet ihre Plattenfirma. Aber da die gerademal 50.000 Insulaner anscheinend ziemlich schnell versorgt waren, kommen nun auch wir Kontinentaleuropäer in den Genuss des düsterer atmosphärischen Doom-Rocks des Sextetts aus Tórshavn.
„Evst“ heißt der Erstling (Tutl/Cargo Records) der Eiland-Exoten. Das Werk gleicht in vielem den sturmumtosten Gestaden jener einst von wenig wetterfühligen  Wikingern besiedelten „Schafsinseln“: viele Ecken und Kanten, eher depressive Stimmung verbreitend. Klar, wird im lichtfernen Fluidum zähflüssig musiziert, werden stets Black Sabbath als Referenz bemüht. So auch hier. Hauptsächlich aber lassen Hamferð an die Bathory der pathetischen Hammerheart/Blood On Ice-Ära denken. Jene legendäre 80er Band, die vielen als Geburtshelfer des satanophilen Black Metal-Genres gilt. Mit Neo-Heidentum oder anderen unchristlichen Umtrieben haben die Faringer indes nix am Hut, im Gegenteil: gerne geben sie auch mal ein Kirchenkonzert mit dem Tórshavner Männerchor. In seinen sphärischeren Momenten pflügt der teilweise sehr raumgreifende Slow-Motion-Sound der Gruppe gar schon fast durch die grauen Postrock-Wogen im Kielwasser von God Is An Astronaut oder Sigur Rós.
Mit letzteren verbindet Hamferð darüber hinaus der Gesang in Landessprache. Entstanden ist das Färöische aus dem Altwestnordischen und dem Isländischen und Norwegischen verwandt. Mal knurrend wie Kerberos, mal im freudlosen Falsett intoniert Jón Aldará in fremdartig klingenden Versen auf „Evst“ einen elegischen Mythos: Auf der Suche nach seinem in Dunkelheit und Unwetter verlorengegangenen Sohn gerät ein Vater ins Reich der „Huldu“. Einer Rasse im Erdinnern lebender gutartiger Wesen, die ihn bei sich aufnehmen. Doch in den finsteren Tiefen fällt er dem Wahnsinn anheim und wird zum Mörder. Delirierend flüchtet der Mann an die Schneesturm gepeitschte Oberfläche, wo er sich schließlich voller Verzweiflung von einer Klippe stürzt – in der Hoffnung, so mit seinem verschollenen Kind wiedervereint zu werden.
Wer angesichts dunkler Jahreszeit, Regenmatsch und Winterkälte noch immer meint, ihm gehe es zu gut, dem sei diese Platte ans Herz gelegt – wärmstens.
Baden in Düsternis: Hamferd. Foto: Promo

Live:
27.11.13 Nürnberg - Hirsch (Support für CORVUS CORAX)
28.11.13 Köln - Essigfabrik (Support für CORVUS CORAX)
03.12. Siegen – Vortex 
04.12.13 Hamburg – Markthalle (Support für Amorphis)


Sonntag, 24. November 2013

Rotze und Blut - Den alten Kämpfer Billy Bragg wirft auch eine Erkältung nicht um

Das Beste an Billy Bragg ist nicht seine Musik, nicht sein unermüdlicher Kampf gegen soziale Ausbeutung und einen entfesselten Manchester-Kapitalismus – es ist sein Humor. Das letzte Mal, als er vor einem Auftritt wegen einer schlimmen Erkältung so schlecht bei Stimme gewesen sei und er sich deshalb gesorgt habe, die Erwartungen des Publikums nicht erfüllen zu können, habe ihm sein Manager tröstend den Arm um die Schultern gelegt und gesagt: „Billy, niemand kommt, um dich Singen zu hören.“ Ob es sich auch am Mittwoch, 13.11., im Tollhaus so verhielt, sei mal dahingestellt. Jedenfalls versprach der Singer-Songwriter aus Essex zum Ausgleich für seine verminderten Gesangsqualitäten ein „ganz besonders ehrliches und menschliches Konzert“.
Billy Bragg beim Konzert in der Queen Elizabeth Hall, South Bank, am 16. September 2012. Foto: Pete Dunwell
Der 55-Jährige hielt Wort und lieferte unter Anrufung des Geistes des kürzlich verstorbenen Lou Reed, „der es Menschen wie mir, die nicht gut singen können, überhaupt erst ermöglicht hat, eine Karriere im Musikgeschäft zu haben“, einen überaus kurzweiligen Auftritt ab. Selbstironie erwies sich dabei als wirkungsvollste Waffe des Gehandicapten. Den Abend eröffnete Bragg mit dem Song „Way Over Yonder In The Minor Key“, der die widerkehrende Textzeile „Ain't nobody that can sing like me“ enthält.
Am Nachmittag habe er gar Blut ins Waschbecken gespuckt, erzählte Bragg mit belegter Stimme weiter. So sei es Joe Stummer auch oft gegangen, habe ihm Schlagzeuger Luke Bullen, der mit dem The Clash-Sänger gespielt habe, bei dieser Gelegenheit berichtet. „Für mich als alten Punk war das folglich ein großer Augenblick.“ Ganz so schlimm kam es dann gottlob nicht. Zwischen den Songs putzte sich der Sänger, der mit ergrautem Dreitagebart und Westernhemd daherkam wie ein ländlicher Richard Gere, zwar geräuschvoll die Nase, trank organischen „Throat Coat“-Tee und riet dem Publikum in der ersten Reihe, besser ein wenig „Gesundheitsabstand“ zu halten, da er auf keinen Fall auf seine teure Gitarre niesen werde, sondern nach vorne. Aber trotz seiner angeschlagenen Gesundheit scheute er sich nicht, seine vorzügliche Band – besonders CJ Hillman spielte sich mit tollen Slides  in den Vordergrund – für eine ganze Weile von der Bühne zu schicken und alleine zu performen.
Zwischendurch gab es immer wieder Anekdoten aus einem schon dreißig Jahre währenden Musikerleben – und natürlich politische Agitation. Bragg hat schon die erbitterten britischen Bergarbeiterstreiks in den 80ern unterstützt, sich seitdem immer wieder für linke Belange eingesetzt und einen ganzen Fundus sozialistischer Kampflieder („The Red Flag“) aufgenommen. Das geniale an Bragg ist, dass ihm dabei die Sauertöpfigkeit und Blasiertheit vieler Linker völlig abgeht. Die Kunst sei kein Hammer, mit der man die Gesellschaft formen könne, so wie Brecht es sah, verkündet er. „Die Kunst ist ein kleines Tüchlein, mit der man die Feuchtigkeit von beschlagenen Scheiben wischt, damit die Leute klarer sehen.“ Der Mann könnte glatt als Rock´n´Roll-Ausgabe von Gregor Gysi durchgehen!
Immer wieder spielte Bragg Lieder von Folk-Legende Woodie Guthrie. Etwa eine hinreißende Rhythm and Blues-Version von Woodies altem Antifa-Gassenhauer „All You Fascists (Are Bound To Loose)“. Wie aktuell die Lieder des Vaters aller Protestsänger noch immer sind, erläuterte Bragg am Beispiel von „I Ain't Got No Home In This World Anymore“. „Menschen müssen auf der Suche nach Arbeit ihre Heimat verlassen, Familien werden auseinandergerissen und werden aus ihren Häusern vertrieben. Alles nur, damit sich die Bosse immer größere Profite einstecken können.“
Guthrie schrieb den Song vor 75 Jahren. Es ist im Grunde erschreckend, das Billy Bragg ihn noch immer singen muss. Aber es ist gut, dass er es tut – auch mit einem Frosch im Hals.